Einleitung

Die Römer unterhielten bereits im 3. Jahrhundert Handelsbeziehungen mit China.[1] Im Mittelalter gelangten mindestens zwei Mönche bis dahin[2] und Marco Polo reiste im 13. Jahrhundert nach China und war somit nicht der Erste. Er ist auch nicht der Einzige, der den mittelalterlichen und auch heutigen Lesern einen Reisbericht über China hinterlassen hat. In dieser Arbeit werden neben dem Bericht von Marco Polo auch die Reiseberichte von John Mandeville und Odorico de Pordenone und ihre mittelhochdeutschen Übersetzungen hinzugezogen, wobei ich mich vor allem auf die exotischen Aspekte der Beschreibungen richten werde, welche das Chinabild im Mittelalter geprägt haben. Im Unterschied zu heute war das mittelalterliche Chinabild von wundersamen und fabelartigen Vorstellungen geprägt. Wenn man die Beschreibungen der Reisenden liest, ist es auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich welche Passagen für die mittelalterlichen Leser besonders exotisch oder fremd gewesen sind. Beim nüchternen Stil von Marco Polo entsteht stellenweise der Eindruck ihn habe kaum etwas verwundert und beim ausschweifendem Stil von Mandeville wähnt man sich geradezu in einer Märchenstunde. Interessant ist, dass gerade Marco Polo zuerst kaum Glauben geschenkt worden ist, wohingegen Mandeville kaum angezweifelt wurde, darauf wird noch näher eingegangen.

            Bei der Aufgabe, das Bild, welches die Europäer im Mittelalter von China hatten, darzustellen, gilt es bereits beim Ausgangspunkt der Betrachtung verschiedene Aspekte zu beachten. Wie bei allen Untersuchungen über das Mittelalter muss man immer im Hinterkopf behalten, dass die Denkpatronen und damit verbundenen Wahrheitsansprüche und Vorstellungen ganz verschieden von den heutigen sind. Der größte Unterschied besteht darin, dass im Mittelalter das Wissen, welches durch alte Bücher vermittelt wurde und/oder in einer langen Tradition stand, mehr Wahrheitsanspruch erheben durfte als Augenzeugenberichte. Heute steht die Zuverlässigkeit der Quelle an sich an erster Stelle und nicht das Alter oder die Tradition.[3] Ein anderer Aspekt ist das Weltbild und die Bedeutung von Exotismus und Fremdartigkeit im Mittelalter.

Psalterkarte von London, gemalte Version, um 1260
London, British Library, Ms. Add. 28681 fol. 9 (Originalgröße 90 mm)


Abb. aus: Brincken, Anna-Dorothee von den: Fines Terrae. Die Enden der Erde und der vierte Kontinent auf mittelalterlichen Weltkarten, Hannover 1992.

Kosmologie im Mittelalter

Damit der Blick auf China im Mittelalter verständlich wird, ist es ratsam die Kosmologie der Zeit zu betrachten. Auf den mittelalterlichen Weltkarten sind nur die drei Kontinente Asien, Europa und Afrika eingezeichnet. Die Karten sind geostet. China nimmt die obere Hälfte des Kreises ein, Afrika und Europa teilen sich die untere, also die westliche  und im Zentrum liegt Jerusalem.  Auf detaillierten Karten, wie z.B. der Ebstorfer Karte von ca. 1240, sind die Bewohner und Eigenarten der verschiedenen Länder eingezeichnet. Diese Karten dienten zur Information über die Beschaffenheit der Welt und ihrer Bewohner, sie waren aber keine direkte Hilfe für Reisende, da sie auf tatsächliche Entfernungen keine Rücksicht nehmen.[4]

            Auch wenn heute nicht mehr sehr viele Karten gut erhalten sind, war es im Mittelalter möglich sie in zahlreichen Kirchen als Fresken oder in der Form von Schautafeln zu betrachten.[5] Im Süden wurden zahlreiche Wundervölker eingezeichnet. Diese waren also für die Menschen im Mittelalter keineswegs unbekannt, zudem die Kenntnis derer zusätzlich auf einer Erzähltradition, welche bis in die Antike zurückgeht, beruhte. Diese Bekanntheit änderte natürlich nichts daran, dass die Menschen diese als exotisch ansahen.

            Es gibt auch sehr einfache, schematische Weltkarten aus dem Mittelalter, auf denen in dem oben beschriebenen T-Modell nur die Verteilung der drei Kontinente über die Erdfläche dargestellt wird. Diese Vorstellung hatte schon Augustinus (*354; †430).[6] Ein weitere Variante der mittelalterlichen Weltkarten sind die Zonenkarten, auf denen bewohnbaren und unbewohnbare Zonen unterschieden werden. Die Äquatorzone wird als zu heiß um sie überqueren zu können erachtet und die Polarzonen als unbewohnbar.[7]

            Mehrere wissenschaftliche Arbeiten der neueren Forschung weisen darauf hin, dass die Vorstellung einer kugelförmigen Erde durchaus geläufig war. Auf den Kartendarstellungen wird die Erde jedoch gewöhnlich in einem einfachen Kreis dargestellt, da im Mittelalter keine dreidimensionale Malerei beherrscht wurde. Man kann von dieser Darstellungsform jedoch nicht zwingend auf eine Scheibenvorstellung der Erde schließen.[8] Auch bei Mandeville findet man Belege für die Vorstellung einer Kugelgestalt. Er erzählt vom Priester Johannes, der weit im Osten wohnt und Tag hat, wenn wir Nacht haben und von einem Mann, der einmal die ganze Erde umrundet hatte ohne es zu begreifen.

            Nach der Sintflut bekamen Noah und seine drei Söhne von Gott den Auftrag fruchtbar zu sein und die Erde zu bevölkern.[9] In der mittelalterlichen Vorstellung bekam der älteste Sohn Sem den besten Kontinent, nämlich Asien. Jafet bevölkerte Europa und Ham Afrika. Von der Kirche wurde die Aufzählung der Völker im alten Testament als absolut gesehen, schon deshalb konnte es keinen vierten oder gar fünften Kontinent geben, obwohl es bereits in der Antike Spekulationen über einen anderen Kontinent gab und diese auch außerhalb der offiziellen Meinung der Kirche im Mittelalter fortgeführt wurden.[10] Andere Ansichten, die gegen weitere Kontinente sprachen waren die Äquatorialzonentheorie und der Missionsauftrag Jesu. Der Äquator war laut mittelalterlicher Vorstellung zu heiß um ihn passieren zu können. Wenn dort Menschen leben würden, stände dies im Widerspruch zum Missionsauftrag[11], also gibt es dort keine Menschen und wenn dort dennoch Leben ist, handelt es sich nicht um menschliches. Die Wundervölker auf den bekannten Kontinenten waren also durchaus menschlich.

            Die mittelalterliche Kartographie ändert sich nur sehr langsam. Im Mittelalter war man nicht auf Neues aus, sondern, wie bereits gesagt, sehr bedacht auf das Tradieren alter Vorstellungen. Die neuen Erkenntnisse Marco Polos fanden deshalb und auch weil seine Glaubwürdigkeit an sich angezweifelt wurde, sehr spät Eingang in die Kartographie.[12] Der Mongoleneinbruch im 13. Jahrhundert änderte auch nichts an der Darstellung des Ostens.[13] Erst Ende des 14. Jahrhunderts begannen die Kartographen umzudenken.[14] 


Exotismus

In der Sammlung „Le Livre de Merveilles“ aus dem 14. Jahrhundert sind einige Reiseberichte mit farbvollen Illustrationen versehen, dort ist unter anderem auch der Kaiser von China mit den Polos abgebildet. Wenn man die Illustrationen der französischen Sammlung mit einem mit Abbildungen versehenen persischen Manuskript aus dem 14. Jahrhundert vergleicht, fällt in dem einen die überaus europäische Darstellung des Kaisers auf, wohingegen die Mongolen in dem persischen Manuskript als solche an ihren genotypischen Merkmalen zu erkennen sind. Bei Abbildungen von z.B. Tieren ist es offensichtlicher, dass es sich bei dem Dargestellten um etwas Exotisches handelt. Aber was ist eigentlich „Exotisch“?

            Exotisches oder Fremdes steht immer im Bezug zum Eigenem und Bekanntem. Im Mittelalter ist das Fremde am Rand der Ökumene angesiedelt, liegt also immer noch innerhalb der belebten Welt. Es tritt in ständige Ambivalenz zwischen Wunschbild oder Ideal und Angst oder Grauen. Das Eigene kann am Fremden Ideal gemessen werden oder als zu überwindende Hürde angesehen werden, letzteres trifft u.a. auf Missionare zu, die das Fremde ausrotten wollen um die Menschen zum rechten Glauben führen zu können.[15] Abweichungen, gemessen an der eigenen Kultur in elementaren Bereichen, die den Umgang mit Natur, Gesellschaft oder Religion betreffen und keine Einzelfälle sind, werden als fremd im Sinne von kultureller Andersartigkeit empfunden.[16] Für die mittelalterliche „Völkerkunde“ ist die andere Beschaffenheit des Körpers auch von Belang und der Beschreibung wert, diesen Aspekt versucht man heute ja zum Teil krampfhaft außen vor zu lassen, allerdings werden von den mittelalterlichen Autoren vor allem die ungewöhnlichsten Aspekte beschrieben, wie z.B. Hundsköpfe, weniger die feinen Unterschiede. Laut Odorico haben die Frauen in „Tibot“ Eberzähne und viele kleine Zöpfe und in Chilenfo, oder bei Konrad Steckel Talay, gibt es Pygmäen, die nur eine Hand breit groß sind.[17] Zum Teil werden auch auffallende Verzierungen, wie Tätowierungen beschrieben. Prägender für das Fremdheitsempfinden scheinen aber auch für die mittelalterlichen Autoren[18] die anderen Religionen und die fremden Sitten im Umgang mit der Frau gewesen zu sein. Marco Polo beschreibt bei jedem Ort welche Religion die Menschen haben und ob sie Untertanen des Khans sind. Bei Mandeville und Odorico kommen diese Aspekte auch immer wieder vor. Darüber hinaus werden oft die Essgewohnheiten geschildert. 

            Exotische Pflanzen und Tiere werden ebenso beschrieben, sind aber eindeutig sekundär und nicht so wichtig wie die Beschreibungen des fremden Alltags. Im Mittelalter sah man die Elemente der Natur nicht als Dinge an sich, sondern im Verhältnis zum Menschen.[19] Wie die Schlangen, denen Odorico begegnet, welche nur Heiden beißen. 

            Irgendwie außerhalb der Tiere und Menschen stehen die Wundervölker, Monster oder Fabelwesen. „Monstrum“ ist wie „miraculum“ im ersten Ansatz ohne wertenden Gehalt ein anderes Wort für Wunder. Die Monstren standen bereits im Mittelalter in einer langen Tradition. Die „Collectanea rerum memorabilium (Sammlung sonderbarer Dinge und Begebenheiten)“ aus dem 3. Jahrhundert des Gajus Julius Solinus war während des gesamten Mittelalters bis in die Neuzeit eine wichtige Quelle für Wundervölker. Solinus Werk geht auf Quellen aus der griechischen Antike zurück.[20] Für ihn und seine Zeitgenossen stellten Monster kein existentielles Problem dar, für die Kirchenväter sah dies jedoch anders aus. Spätestens im 12. Jahrhundert waren wohl auch allen Laien die Wundervölker durch Predigten, bildliche Darstellungen oder aus Büchern bekannt. Wegen ihrer Hässlichkeit und folglich auch Boshaftigkeit stellten sie eine Bedrohung für die Christenheit dar. Da Gott aber auf Erden Nichts ohne Grund geschaffen hat, legte man die Monster – von lateinisch ‚monstrare’ – als göttliche Winke aus, sie wurden geschaffen um auf etwas hinzuweisen. Dennoch blieb das Bedeutungsproblem für die außereuropäischen Monstren bestehen, da es sich bei ihnen um langlebige Völker handelte und nicht wie bei den einheimischen um kurzfristige Erscheinungen, wie zum Beispiel Geburten von körperlich Behinderten, die im Mittelalter keine große Überlebenschance hatten. Monstren, die dennoch irgendwie Menschen sind, mussten von Adam und Eva abstammen oder zumindest von den Söhnen Noahs.[21]           


Reisen

Neben dem Missverständnis der neuzeitlichen Forschung über die mittelalterliche Scheibenvorstellung der Erde herrscht noch ein anderes vor, welches im Zusammenhang mit dieser Arbeit zu wiederlegen ist. Das Mittelalter war von Anfang an von einer hohen Mobilität geprägt, dies ist also keine neuzeitliche Erscheinung. Von den Völkerwanderungen im frühen Mittelalter ganz abgesehen reisten in der gesamten Epoche Kaufleute, Geistliche, Regenten, Pilger, Kreuzritter, Künstler, Handwerker, Boten und Studenten.

            Das sich Verständigen der Reisenden stellte kein besonderes Problem dar, bis nach Jerusalem konnte man sich mit Latein verständigen. Einige sprachen zusätzlich Griechisch. Juden konnten sich mittels Jiddisch und Hebräisch untereinander verständigen. Um sich einen Grundwortschatz der fremden Sprachen aneignen zu können wurden Sprachführer verfasst, von diesen sind leider nur wenige erhalten, da sie natürlich sehr intensiv genutzt und somit verschlissen worden sind.[22] Marco Polo hatte das Glück mit Vater und Onkel zu reisen, welche die Strecke bereits einmal hinter sich gebracht hatten. Am Hof des Großkhans erlernte er schnell die mongolische Sprache, dies hat wahrscheinlich nicht unwesentlich mit seinem jungen Alter zu tun. Odorico reiste als Franziskaner-Missionar und fand deshalb immer wieder Anschluss bei Ordensbrüdern. Mit Wilhelm von Rubruk reiste ein Dolmetscher, welcher sich jedoch eher als Gefahr und Hindernis erwies.

            Innerhalb der Christenheit sind Obdach und Wasser Selbstverständlichkeiten, die ein Reisender von Jedermann erwarten darf.[23] Dennoch musste natürlich eine eventuelle Gefahr, welche von den Reisenden hätte ausgehen können gegen das christliche Gebot aufgewogen werden. In Klöstern konnte man fest mit Unterkunft und Verpflegung rechnen, welche sich nach dem Stand der Gäste richtete.[24] Zudem gab es auch kommerzielle Gasthäuser, mehrere Quellen berichten allerdings von der Unerfreulichkeit eines Aufenthalts in derartigen Häusern.[25]

            An mehreren Stellen beschreibt Marco Polo die Entfernung zwischen zwei Aufenthaltsorten. Mandeville berichtet, dass man von Genua oder Venedig 11 bis 12 Monate reisen muss, bis man in China ankommt. Wenn er im zweiten Buch zahlreiche Städte im Reiche des Großkhans beschreibt, nennt er stets die Entfernung von dem einem Ort zum anderen in Tagen. Es stellt sich natürlich die Frage wie weit die Menschen im Mittelalter durchschnittlich an einem Tag reisen konnten. Die meisten waren zu Fuß unterwegs, einige wenige hatten ein Pferd. Seit der Antike hatte die Reisegeschwindigkeit abgenommen.[26] Zu Fuß konnten etwa 25 bis 40 Km am Tag geschafft werden, zu Pferd 50-60 Km.[27] Diese Zahlen berücksichtigen jedoch nicht die Hindernisse welche den Menschen auf dem Weg begegnen konnten. Für Marco Polo war die Geschwindigkeit, mit der Nachrichten im Reich des Großkahns übermittelt werden konnten, erstaunlich.

            „In der wys so weys der kunig und irvert nuge mer der provincien von X tage reyse czwischen eyme tage und eyner nacht. (Auf diese Art weiß der König und der Hof Neuigkeiten aus den Provinzen, welche 10 Tage entfernt sind, zwischen einem Tag und einer Nacht.)“[28]

            Marco Polos Reisekomfort war sehr viel höher als der Odoricos, deshalb ist es wahrscheinlich, dass er auch schneller reisen konnte.

            Einige mittelalterliche Reisende gelangten bis nach Asien. Im 13. Jahrhundert waren die mongolischen Eroberungszüge ein Anreiz um die Herrscher in ihrem eigenen Land aufzusuchen. 1245 reiste Priester John in die Mongolei und war der erste der einen Bericht verfasste. Seine „Geschichte der Mongolen“ wird nach seinem Tod von Vincent von Beauvais in die Enzyklopädie „Speculum historiale“ aufgenommen. 1253 reiste Wilhelm von Rubruk zum derzeitigen mongolischen Großkhan um, wie Priester John zuvor auch, zu missionieren. Die generelle Offenheit der mongolischen Fürsten anderen Religionen gegenüber war bekannt.[29] Er kehrte bereits zwei Jahre später zurück und verfasste einen Reisebericht. Obwohl er nie in China war, beschreibt er einiges über das Land aus zweiter Hand. Wilhelm von Rubruk reiste in Begeleitung von zwei weiteren Mönchen, einem Dolmetscher, zwei Tierpflegern, einem Träger und einem Sklaven. Er konnte sich allerdings nicht auf seinen Dolmetscher und auch nicht auf die ständig wechselnden Führer verlassen. Der Dolmetscher war unfähig komplizierte Sachverhalte zu übersetzen, bei Predigten weigerte er sich sogar. Wilhelm von Rubruk wurde von einem Khan zum nächsten geschickt, bis er schließlich zum Großkhan kam. Dieser, Mangu Khan, zeigte sich offen für die Predigten und setzte wohl auch einiges um, bekehren hatte Wilhelm von Rubruk ihn jedoch nicht können. Auf der Rückreise bekam die Reisegruppe einen Ausweiß, mit dem sie das Recht hatten alle vier Tage einen Hammel zu fordern. Marco Polo berichtete von Tafeln des Großkhans, welche er bei sich trug und ihm bestimmte Vorrechte im ganzen Reich garantierten. Marco Polo scheint, wie bereits erwähnt, eine weitaus angenehmere Reise gehabt zu haben. Onkel Maffio und Vater Nicolo Polo unternahmen ihre erste Reise nach China um ihren Handel ausweiten zu können. Sie kamen an einen tatarischen Hof, an dem sie ein Jahr verbrachten. Als sie nach Venedig zurück wollten brach ein Krieg zwischen rivalisierenden Tataren aus, wodurch sie einen anderen Weg zurück nehmen mussten. Unterwegs begegnete ihnen ein Gesandter des Großkhans Kublai Khan, dieser hatte von der Anwesenheit der Venezianer gehört und wollte diese unbedingt kennen lernen. Kublai Khan lies sich über die Christenheit unterrichten und beschloss die Polos als Gesandte an den Papst zu nutzen. Bei dieser zweiten Reise, indem sie dem Großkhan die Briefe des Papstes überreichten nahmen sie den damals 17 jährigen Marco mit. Marco Polo ist also nie ohne Schutz des Khans durch Asien gereist. Obwohl die Polos auf der zweiten Reise nach China auch einen religiösen Auftrag hatten, waren sie jedoch keine Mönche, wodurch ihnen wohl unterwegs eine andere Haltung entgegen gebracht wurde. Wenn Wilhelm von Rubruk von aufdringlichen Tataren spricht, hat dies wahrscheinlich auch damit zu tun, dass er den Bettelnden als christliches Vorbild schlecht etwas abschlagen konnte. Auf den Reisen Marco Polos durch Asien reiste dieser im Auftrag des Großkhans und dies war sehr wahrscheinlich für alle ersichtlich.


Allgemeine Ost- und Chinavorstellung

Dschingis Khan führte die mongolische Eroberung an, welche sich auf weite Teile Asiens und auch auf Osteuropa richtete. Unter seiner Führung greifen mongolische Heere China an, welches damals in drei Teile zerfallen war. Die ersten chinesischen Gegner wurden 1207-1210 unterworfen, aber erst Dschingis Khans Enkel Kublai Khan konnte 1234, sieben Jahre nach dem Tod seines Großvaters, über das gesamte China herrschen. Er gründete 1271 die Yüan-Dynastie, in der China wieder eine Blütezeit erlebte, wie vor der mongolischen Eroberung in der Sung-Dynastie. Zu der Zeit als Marco Polo also in China lebte, hat das Land einen mongolischen Herrscher. Kublai Khan starb 1294, aber erst 1368 floh der letzte Mongolenherrscher aus China und die Ming-Dynastie wird eingeleitet.[30] Dies ist die heutige Sicht auf das China im Mittelalter, keineswegs die des Mittelalters selber.

            Strabo, ein griechischer Gelehrter der von 63 v.Chr. bis 21 n. Chr. lebte, schrieb sechs historische Bücher über Asien. Die Römer betrieben schon früh Handel mit Indien, im 2. oder 3. Jahrhundert kamen auch Händler bis nach China. Die Römer nannten China, es handelte sich wohl um Nordchina, Sinea oder „das Land der Seide“.[31] Im Mittelalter kannte man China auch als Land, aus dem Seide kommt. Wilhelm von Rubruk berichtet von dem Land Katai[32], welches er selber nie besucht hat aber auf seiner Reise mit dem Land der Seres gleichsetzt. Marco Polo und Gelehrte der Zeit haben diese Verbindung wohl nicht gesehen.[33] In der mittelalterlichen Dichtung werden Seres unter anderem bei Rudolf von Ems, Herzog Ernst und Wolfram von Eschenbach genannt. Bei letzterem handelt es sich um einen Seres, der aus Indien kommt. In den Alexanderromanen tauchen sie erst in der Version von Ulrich von Eschenbach von ca. 1290 auf.[34]   

            Im Mittelalter galt Asien als der beste Kontinent, als Ort, wo das irdische Paradies sein muss. Abraham kam als Nachfahre Sems aus Asien um seine besondere Botschaft Gottes in die Welt zu tragen.[35] Das Asienbild war vom Phantastischen geprägt, wohl auch noch lange nach den ernüchternden Berichten Marco Polos. Die Psalterkarte[36] aus dem 13. Jahrhundert, welche am Anfang eines kleinen Gebet- und Liturgiebüchleins steht, stellt die Erde einmal bildlich dar und einmal wird sie beschrieben. Im Süden ist eine Monstergalerie zu sehen, also im Prinzip in Afrika angesiedelt, sie scheint aber bis nach Asien hinein zu reichen. Dieselbe Darstellung finden wir auf der Ökumene-Karte der Viktoriner nach Isidor aus dem 12. Jahrhundert.[37] „Asia maior“ hat laut geschriebenem Teil der Psalterkarte 18 Provinzen und 31 Städte, „Asia minor“ 11 Provinzen und 13 Städte. Europa hat zwar insgesamt mehr Provinzen, aber weniger Städte.

            Indien bildete ein Synonym für das phantastische, unbekannte Asien. Es ist ein sehr vager Begriff, welcher den gesamten südostasiatischen Raum einschließlich des malayischen Archipels bezeichnen kann.[38] In erster Linie bedeutete Indien jedoch keine genaue geographische Angabe, sondern ein Land auf dem östlichen Kontinent, in dem wunderbar schöne und sonderbar erschreckende Dinge zu finden waren.

            Deshalb reagierten die Menschen auch zuerst so positiv auf die mongolischen Eroberungszüge. Anfangs sah man die Hoffnung nach einem starken Volk, welches den Christen im Kampf gegen die Heiden beistehen würde als erfüllt.[39] Durch die Legenden des Priesterkönigs Johannes wurde geglaubt, dass die Erlöser des Heiligen Landes endlich gekommen seien. Der Priesterkönig Johannes war in der mittelalterlichen Vorstellung ein mächtiger Fürst, der schon seit sehr langer Zeit im Osten ein Christenreich regierte. Marco Polo, Odorico und wohl auch Mandeville gingen fest von seiner Existenz aus. Zwei weitere Legenden hatten über Jahrhunderte das Asienbild geformt, nämlich die der Streifzüge des Alexanders und die des Heiligen Thomas, welcher nach Christus Kreuzigung nach Indien ausgewandert war und dort eine christliche Gemeinde aufgebaut hatte.[40] Letztere Legende steht im engen Zusammenhang, bzw. ist Voraussetzung für die des Priester Johannes. Wenn die Reisenden das Reich des Priesterkönigs nicht finden konnten, war dies keineswegs ein Beweiß dafür, dass es nicht Real ist, sondern es wurde weiter weg in unbekannte Zonen verlagert. Und auch nachdem deutlich wurde, dass die mongolischen Streifzüge eher Gefahr als Hilfe für die Christen bedeutenden, blieb der Glaube und die Hoffnung auf Hilfe aus dem Osten bestehen.[41]

            Auch nach der Flucht des letzten Mongolenherrschers aus China wurde weiterhin Seide von dort importiert. Das Reisen durch Asien wurden danach jedoch viel gefährlicher, deshalb brachen die meisten Handelsbeziehungen mit China ab.[42] Das Land des Priesterkönigs Johannes wurde nach Afrika verlagert, das irdische Paradies vermutete man jedoch immer noch in Indien.[43]


Drei mittelalterliche Reiseberichte und ihre Autoren
Marco “Milione” Polo

Für die Gesamtüberlieferung, die etwa 140 Zeugnisse umfasst, werden vier Versionen unterschieden. Die beiden deutschen Übertragungen gehen auf die lateinische Version zurück, wobei es sich um eine relativ freie Bearbeitung der venezianischen Version handelt, diese ist wiederum eine italienische Übersetzung auf der Grundlage eine verlorengegangenen französischen Handschrift.

            Die zwei deutschen Übertragungen sind eine mitteldeutsche Übersetzung des 14. Jahrhunderts und eine oberdeutsche Übersetzung aus dem 15. Jh., welche aus drei Handschriften besteht, wobei es sich wahrscheinlich bei allen um Druckabschriften handelt. In dieser Arbeit wurde die Version aus dem 14. Jahrhundert benutzt, auch Admonter Handschrift genannt.[44]
Im Vergleich mit der gesamteuropäischen Überlieferung ist die der deutschen Übersetzungen auffallend schmal.

            Marco Polo wird 1254 geboren. Sein Vater Nicolo Polo, ein venezianischer Kaufmann, hält sich von 1261 bis 1269 mit seinem Bruder Maffio in China auf. Von dieser ersten Reise wird im ersten Kapitel des Buches erzählt und wurde in dieser Arbeit bereits kurz zusammengefasst. 1271 nimmt Marco dann zusammen mit seinem Vater und Onkel an einer zweiten Reise teil. Im Auftrag des regierenden Kaisers Kublai Kahn, unternimmt Marco Polo bis 1295 viele Reisen in weite Teile Chinas und Indochinas.

            1298-1299 war Marco Polo vermutlich in genuesischer Gefangenschaft, dort schrieb sein Mitgefangener Rustichello von Pisa den Reisebericht anhand von Aufzeichnungen nieder, dieser Urtext war französisch. Marco Polos Spitzname „Milione“ bekam er noch zu Lebzeiten. Er kann mit seinem Reichtum zu tun haben, mit der hauptsächlich in Südeuropa immensen Auflage seines Buches oder mit seinen, für mittelalterliche Ohren, "maßlosen Übertreibungen".

Sir John Mandeville

Nach eigenen Angaben ist der Ritter Jean de Mandeville, oder Johannes von Montevilla, in England geboren und ist 1322 auf Reisen gegangen um dann 1356 wieder nach England zurückzukehren und sein Werk abzufassen. Spätere Fassungen nennen Lüttich als den Ort der Entstehung. Die wahre Identität des Autors ist bis heute unbekannt. Bis in die Neuzeit glaubte man, John Mandeville hätte alles Beschriebene mit eigenen Augen gesehen. Heute nimmt man an, dass er nicht viel weiter als Jerusalem gekommen ist und seine „Reisen“ mit Hilfe einer umfassenden Bibliothek geschrieben hat.

            Es sind 280 Handschriften des Werks nachweisbar. Ein Originaltext existiert nicht mehr. Die deutsche und niederländische Überlieferung weisen die größte Dichte in Europa auf. Die Übersetzung nach Michel Velser ist in 38 Handschriften überliefert, genau wie die des Otto von Diemeringen, beide stammen aus dem 14. Jahrhundert.[45] In dieser Arbeit wird hauptsächlich die Version des Otto von Diemeringen benutzt.

Odorico de Pordenone

Der Franziskanermönch reiste als Missionar zwischen 1314 und 1318 nach Asien ab. In etwa 12 Jahren bereiste er Kleinasien, Persien, Indien, Indonesien und China. 1330 wurde sein Reisebericht in lateinischer Sprache abgefasst, dieser liegt heute etwa in 100 Textzeugen vor. Die deutsche Übersetzung nach Konrad Steckel ist in 4 Handschriften des 15. Jahrhunderts überliefert, die genaue Vorlage ist nicht bekannt.[46] 


Drei Reiseberichte und ihr Chinabild

Im folgenden geht es um das Chinabild, welches durch die drei Reiseberichte vermittelt wird und welche Rolle das Exotische in eben jenen spielt. Ausgehend von Marco Polos Beschreibungen werden einige Elemente oder auch Themen herausgenommen und dann im Vergleich betrachtet.   

China oder das Tatarenreich

Bei Mandeville bekommt Cham nach der Sintflut den östlichen Kontinent, also nicht Sem. Der älteste bekam, seiner Ansicht nach, nicht den größten Kontinent. Die Verteilung der Erde ist bei Mandeville also anders, als beispielsweise auf den schematischen Karten Isidors.[47] Da man davon ausgehen kann, dass es sich bei dem Autor der „Reisen“ um einen gelehrten, auf jeden Fall aber belesenen, Menschen handelte, fällt es schwer von einem Fehler seinerseits auszugehen. Von „Ungeheuer[n] und missgestaltet[en] Menschen“ [48]  stammen die Heiden ab, die auf den Inseln leben. In der Zeit als der Bau des Turms zu Babel begann, kamen Teufel auf die Erde und zeugten diese ersten Wundervölker, indem sie mit den weiblichen Nachkommen Chams schliefen. Trotz dieser dunklen Seite nennt Mandeville Cham den „mächtigste[n] Herr[n] von allen“[49], zudem zeugte er die meisten Nachkommen. Nicht nur in dieser Passage fällt der erklärende Charakter Mandevilles Werk auf. Einerseits erhöht er die Tataren und stellt sie zuweilen sogar über die Christenheit, andererseits braucht er eine Erklärung für das Dasein der Wundervölker auf den Inseln, welche er im vierten Buch beschreibt.

            Obwohl Mandevilles Bericht vor allem von den Tataren handelt, macht er einen Unterschied zwischen Tatarenreich und China. China liegt in Asia Profunda und wurde von Dschingis Khan erobert. Marco Polo und Odorico nennen China nicht explizit. Odorico berichtet von Manci, bei Steckel Manzi, welches „bei uns“[50] Oberindien genannt wird. Marco Polo berichtet von Katajas und Manjis, beides wird von Kublai Khan regiert.[51]

            China wird von allen Reisenden als ein Land von unglaublichem Reichtum beschrieben. Dieser zeigt sich bei den Festen des Khans, in den Bauwerken der riesigen Städte und in den Menschenmassen vor allem am Hof aber auch anderswo. Mandeville beginnt seine Beschreibung Chinas mit: „Es ist das beste und schönste Land auf der Welt, darin es den Menschen an nichts mangelt. […] In dem Land gibt es mehr als zweitausend reiche Städte.“[52]

            Obwohl der Khan kein Christ ist, für die mittlalterlichen Reisenden waren die Tataren dies im 13. Jh. jedoch überwiegend, ist er anderen Religionen gegenüber aufgeschlossen und hat Vertreter aller großen Glaubensrichtungen an seinem Hof.

            Odorico berichtet von zwei sehr wundersamen Orten im Reiche des Großkhans: In einer sehr fruchtbaren Gegend hat ein Mann, den man den Alten vom Berg nennt, einen Flecken Erde eingezäunt. Dieser Ort ist so herrlich, dass man ihn Paradies nennt. Der Alte lockt kräftige junge Männer in sein Paradies und verwöhnt sie mit Milch und Wein. Wenn er einen mächtigen Mann tot sehen will, schickt er einen dieser jungen Männer aus dem Paradies hinaus. Dieser will so sehr wieder zurück, dass er für den Alten den Mord begeht. Dieses Paradies haben die Tataren auch erobert.[53] An dem anderen wundersamen Ort ist Odorico, nach seinen Angaben, selber gewesen. Hier handelt es sich um ein Leichental, aus dem Niemand, außer Odorico, lebendig entkommen ist.[54]   

            Auffällig ist: Immer, wenn Marco Polo von wundersamen Dingen am Hofe des Kublai Khans spricht, ist er sehr positiv. Immer dann, wenn er von wundersamen Dingen außerhalb des Hofes spricht, also in den Provinzen, ist er eher abwertend.

Exotische Äußerlichkeiten

Mandeville „begegnet“ wirklich skurrilen Menschen, außer den Pygmäen, nicht in China. Diese Menschen sind sehr klein und mit acht Jahren schon sehr alt, deshalb heiraten sie, wenn sie ein halbes Jahr alt sind. Sie sind sehr klug und fertigen schöne Dinge aus Gold, Silber und Seide an. Landwirtschaft betreiben sie nicht selber, sondern dies tun normal große Mensche für sie.[55] Odorico berichtet ähnliches Skurilles.[56] Er nennt die Pygmäen auch Biduine. Sie erzeugen die beste Baumwolle, bei Steckel ist es Seide. Sie heiraten mit fünf Jahren. Dort leben auch große Menschen, wenn sich diese mit den Pygmäen paaren werden die Kinder auch klein: „Und also nimpt der chlainen léwt zal albeg auff und der grossn ab." (Also nimmt die Zahl der kleinen Leute zu und die der Großen ab)“[57]      

            Odorico berichtet von einem hohen Berg. Dort leben auf der einen Seite nur ganz schwarze Lebewesen und auf der anderen Seite nur weiße. Die verheirateten Frauen tragen einen Behälter auf dem Kopf, zum Zeichen, dass sie vergeben sind.[58] Wie Marco Polo berichtet auch der Franziskanermönch von der Vornehmheit langer Fingernägel bei Männern.[59] Als Einziger berichtet Odorico von der Sitte, bei jungen Mädchen die Füße einzubinden, weil kleine Füße ein Schönheitsideal sei.[60] In „Tibot“ haben die Frauen lauter kleine Zöpfe und Eberzähne.[61]  

            Die Männer und Weiber in der Provinz Zardandam haben, laut Marco Polo, die Gewohnheit ihre Zähne mit dünnen Goldplättchen zu überziehen. Die Männer machen sich mittels einer Tätowiertechnik dunkle Bänder um ihre Arme und Beine.[62]

            Über den Sauberkeitssinn der Bewohner wundert sich Marco Polo. Er berichtet von einem schwarzen Stein, den man im ganzen Land finde und mit dem die Menschen ihre Öfen und Bäder heize. Es gäbe zwar keinen Mangel an Brennholz, aber es gäbe so viele Menschen, die mindestens dreimal die Woche und im Winter jeden Tag baden, dass wenn sie immer Holz benutzen würden, dieses schnell aufgebraucht sei.[63]  Alle baden sie täglich, besonders vor den Mahlzeiten.[64]

Esskultur

Von den umherziehenden Tataren erzählt Marco Polo[65], dass sie sich von dem Wild ernähren, welches sie auf der Jagd erlegen. Außerdem erlegen sie Murmeltiere, essen aber auch das Fleisch von Pferden, Kamelen und sogar Hunden. Sie trinken vergorene Stutenmilch, welche sie so zubereiten, dass sie wie ein guter Wein schmeckt.[66] Der Khan trinkt neben Wein auch Stutenmilch und Kamelmilch.

            Mandeville berichtet auch von den Leuten der Tatarei, ihrem Glauben und ihren Sitten.[67] Ihm zufolge werden Hunde, Löwen, Füchse, Stuten, Fohlen, Esel, Ratten, Mäuse und etliche andere Tiere außer Schweine und Tiere, die das alte Gesetz verbietet, gegessen. Alles von den Tieren wird gegessen, auch die Innereien. Die Tischmanieren lassen, selbst am Hof[68], sehr zu wünschen übrig, auch wird das Geschirr nie abgewaschen. Es wird nur einmal am Tag gegessen, auch am Hof. Reiche Leute trinken die Milch von Stuten, Kamelen, Eselinnen oder anderen Tieren, es gibt keinen Wein oder Bier.

Ehe und Geschlechterrollen

Die Frauen in China scheinen sich zwischen zwei Extremen zu bewegen. Einmal werden sie als absolutes Lustobjekt „gehalten“, andererseits verrichten sie fast alle anfallenden Arbeiten und können fast alles, was auch Männer können und noch viel mehr. Mit Waffen dürfen sie allerdings nichts zu tun haben.

            Der Khan hat vier Frauen, berichtet Marco Polo, die alle den Titel Kaiserin tragen, keine steht höher als die andere und alle haben sie einen eigenen Palast mit Dienern. Außerdem hat der Khan eine Vielzahl von Beischläferinnen oder Konkubinen, die alle aus der Provinz Ungut kommen, da die Einwohner dieser Provinz berühmt sind für ihre Schönheit. Zuerst werden Beamte ausgeschickt um vier oder fünfhundert Schönheiten auszuwählen, dann wird diese Anzahl auf zwanzig oder dreißig reduziert, diese werden dann noch einmal von erfahrenen Frauen geprüft und in der Nacht beobachtet. Die Würdigen werden in Gruppen von je fünf aufgeteilt. Während die eine Gruppe sich in den Gemächern für den Khan bereithält, verrichtet die andere Gruppe „Zimmermädchendienste“. Nach drei Tagen und drei Nächten wird gewechselt. Marco Polo betont dabei, dass es sich um eine Ehre für die Mädchen und ihre Eltern handele.[69]

Der mitteldeutsche Marco Polo berichtet auch von der Polygamie der Tataren.[70]

            „Sy nehmen ouch czu wibe ir swestir tochtir, ir stifmutir unde ir nevin husvrowin, wen si werdin witewe. (Sie nehmen auch die Tochter ihrer Schwester, ihre Stiefmutter und die Frau ihres Neffen zur Frau, wenn sie Witwe ist.)“[71]

            Bei den wandelnden Tataren verrichten die Frauen alle Handelsgeschäfte, wohingegen die Männer sich nur mit der Jagd und dem Waffenhandwerk beschäftigen.[72]

            Ein relativ langes Kapitel bei Marco Polo ist der Provinz Tebeth gewidmet.[73] Er erzählt von der zu verachtenden Sitte der Männer dieses Landstriches, keine Jungfrauen heiraten zu wollen. Eine Frau soll mit vielen Männern Umgang gehabt haben, so können die zukünftigen Ehemänner sich versichern, dass die Götter der Frau wohlgesonnen sind. Sobald Fremde in das Gebiet kommen bringen die Mütter ihre unverheirateten Töchter zu jenen und wenn die Fremden wieder abreisen, versuchen sie niemals die Frauen mit sich zu nehmen. Es wird allerdings erwartet, dass die Frauen für ihre Liebesdienste Geschenke, wie Schmuck oder Ähnliches, bekommen. Durch das Tragen von viel Schmuck zeigen die Frauen ihren Wert. Die ansässigen Männer dürfen sich ihre zukünftige Ehefrau auswählen. Sobald die Frauen verheiratet sind, darf kein Anderer, als der Ehemann, sie anfassen und daran hält man sich auch. 

            Von der Provinz Zardandam/Ardadam berichtet Marco Polo, dass die Männer direkt nach der Geburt regelrecht den Platz der Mutter einnehmen. Sobald die Frau entbunden und der Säugling gewaschen wurde, nimmt der Mann den Platz im Bett ein und kümmert sich 40 Tage[74] lang um das Kind. Freunde und Verwandte kommen den Vater besuchen und bringen ihm Glückwünsche, während die Frau alle häuslichen Pflichten erledigt und das Kind an seiner Seite stillt.[75]   

            Zudem dürfen die Frauen in der Provinz Pem, wenn ihre Männer länger als 20 Tage weg bleiben, einen anderen Mann nehmen und der Mann darf sich dann ebenfalls eine neue Frau nehmen.[76] In Karaian ist es den Frauen gestattet einen anderen Mann neben dem Ehemann zu haben.[77]

            Bei Mandeville sind die Frauen genauso wie die Männer in Hosen gekleidet, wodurch man sie schlecht unterscheiden kann. Die verheirateten Frauen erkennt man an einem Fußabdruck auf ihrer Stirn.[78] Die Frauen/Weiber reiten und laufen ebenso schnell wie die Männer. Die Frauen bauen ihre Häuser selbst und verrichten jedes Handwerk. Das Verfertigen von Waffen ist allerdings, wie bei Marco Polo, nur den Männern vorbehalten.[79] Der Khan hat drei Frauen[80], andere Männer haben sechzig, wieder andere einhundert.[81] Ehebruch ist laut Mandeville eine schwere Sünde. „Wird ein Mann oder Weib bei einem Ehebruch oder Unzucht ertappt, erschlägt man sie auf der Stelle.“[82]

            Mandeville und Odoricos Beschreibungen über das Zusammenleben von Mann und Frau sind weniger ausführlich und lange nicht so pikant, wie die Marco Polos. Die amazonenhafte Frau als literarischer Topos war den Lesern im Mittelalter aus der griechischen Mythologie bekannt.[83] Marco Polo stellt Frauen, Ehe und voreheliche Sitten nicht als etwas Exotisches dar, sondern er macht sehr deutlich, dass es sich um den chinesisch-mongolischen Alltag handele. Die Sitte aus Tebeth beurteilt er zwar negativ, die des Khans aber nicht. Er betont, dass es für die Konkubinen des Khans eine Ehre ist ausgewählt worden zu sein. Für die Leser im Mittelalter waren seine Beschreibungen über das Sexualleben der Menschen im Reiche des Kublai Khans vielleicht wohl zu exotisch und zu unerhört, um es zu glauben. Letzteres wäre für Mandeville ein Anreiz gewesen, diese Beschreibungen zu beschränken.[84] Marco Polo, als junger, ungebundener Mann durfte natürlich eine andere Anteilnahme zeigen, als der Ordensbruder Odorico.               

Götzendiener, Zauberer, Sitten

Marco Polo spricht an mehreren Stellen von Götzendienern, Zauberern und Wahrsagern. So berichtet er im 42. Kapitel des I. Buches von den Abteien und Klöstern dieser  „Götzendiener“. Er beschreibt einige sehr große und kleine Götzen, wobei es sich bei den großen wohl um Buddhas handelt. Der geistliche Orden der Sensim führt ein außergewöhnlich hartes Leben in strenger Enthaltsamkeit und sie beten das Feuer an.[85]

            Bei Mandeville stehen in den Tempeln auch riesige Götzenbilder. Die Menschen bringen ihnen an Feiertagen zu essen, indem sie den Rauch von Fleisch, welches gerade vom Feuer kommt, zu ihnen aufsteigen lassen. Die Priester verspeisen dann das Fleisch.[86] Wie Odorico berichtet auch Mandeville von einem Garten, in dem Mönche die Tiere, welche dort leben, füttern, weil sie glauben es leben Seelen von Verstorbenen in ihnen.[87]

            Ich fragte die Leute, die da wohnen, ob es nicht besser sei, die Speise den Armen als den Tieren zu geben. Darauf antworteten sie mir, dass es bei ihnen keine armen Leute gäbe. Doch selbst wenn es sie gäbe, wäre es ein größerer Verdienst, die Almosen den Seelen zu geben, die in den Tieren Buße tun.[88] 

            Mandeville kommentiert hier eigentlich das Kastensystem, welches natürlich in der Umsetzung einen Gegensatz zu den christlichen Idealen, betreffend der Gleichheit aller und der Nächstenliebe, bildet. Odorico scheint es störender zu finden, dass die Mönche in den Tieren menschliche Seelen sehen. „Fúrbar, ez sind tyr und bestie, dass ist, daz nicht menschlichn sel noch vernunft (Dies sind Tiere und Bestien, sie haben weder eine menschliche Seele, noch Vernunft).“[89]  

            Marco Polo und Odorico[90] berichten, wie die Magier bei  Tisch die Trinkgefäße durch Zauberhand auffüllen und dann schweben diese an ihre Plätze. Bei Marco Polo können die Magier zudem das Wetter beeinflussen und ordnen Opferrituale an. Der Khan befolgt immer alle Anordnungen dieser Zauberer. Weil sie ihre Macht, bzw. ihre Religion sichtbar machen können und die Christen nicht, wird der Khan kein Christ.

            Die Magier berufen sich bei der Frage nach dem Ursprung ihrer Macht auf die Heiligkeit ihres Lebens. Sie leben allerdings ein unsauberes Leben, sie waschen und kämmen sich nicht und verspeisen die Leichen von hingerichteten Kriminellen. Auch bei Mandeville und Odorico fungieren die Gelehrten als steuernde Kraft hinter dem Khan. Sie sorgen dafür, dass das Volk dem Kaiser gehorsam bleibt, errechnen mit Hilfe der Sterne die beste Strategie für eine Schlacht und befehlen sogar den Zeitpunkt, zu welchem dem Kahn Essen und Kleidung gebracht wird.[91] 

            Von der wohl wundersamsten Provinz Tibot, bei Marco Polo Tebeth,  berichtet Odorico, wie die Leichen verstorbener Männer zerstückelt werden. Der Sohn bekommt den Kopf, er verspeist das Hirn und macht aus dem Schädel ein Trinkgefäß. Die anderen Leichenteile werden von Adlern, welche die Menschen dort Engel Gottes nennen, in alle Winde hinfort getragen.[92]

            „So schreint si dann al (mit lauter stim): „Schawt all, wie ein sáliger mensch ist der gewesn, die engl habnt in gefúrt in das paradeiß.“ (So schreien die dann alle (mit lauter Stimme): „ Schaut alle, was für ein guter Mensch er gewesen ist, die Engel haben ihn in das Paradies geführt.“)“[93]

Papiergeld

Marco Polo erzählt von Papiergeld, welches der Khan anfertigen lässt.[94] Dazu wird die Rinde von Maulbeerbäumen benutzt. Die Rinde wird eingeweicht, in einem Mörser zerrieben und aus dieser Paste wird ein schwarzes Papier hergestellt. Die „Geldstücke“ werden in verschiedenen Größen zurechtgeschnitten und mit einem Siegel versehen, verschiedene Größen für verschiedene Werte. Marco Polo betont, dass niemand im ganzen Land sich weigert das Papier als Bezahlung anzunehmen und dass ohne Probleme Waren dafür eingekauft werden können. [95]

            Auch beim mitteldeutschen Marco Polo findet man die Beschreibung vom Papiergeld. Allerdings sind hier die Stücke Papier nicht in Rechtecke geschnitten, sondern haben die Form einer Münze. Auch hier wird der unumstrittene Wert des Papiers betont.[96]

Ausgefeiltes Botennetz

Neben dem für Marco Polo unglaublichen Papiergeld unterhält der Kahn noch eine andere praktische Einrichtung, nämlich ein ausgeklügeltes Postwesen. Alle Menschen die in der Nähe der Posthäuser leben müssen ihren Beitrag leisten. Auf jeder großen Hauptstraße stehen Posthäuser in einer Entfernung von etwa 25 oder 30 Meilen. Diese Posthäuser heißen Jamb und sind wie eine gute Herberge eingerichtet. Es stehen dort frische Pferde bereit und es ist genügend Proviant vorhanden. Die Bewohner aus der Umgebung müssen für den Proviant sorgen und die Pferde unterhalten. Beamte des Khans haben vorher genau ausgerechnet wie viele Pferde jeder im Stande ist zu versorgen. Die aufkommenden Kosten werden von dem zu zahlenden Tribut abgezogen, der an den Khan zu leisten ist. Auch in Gebirgen und Wüsten sind die Posthäuser eingerichtet worden. Da wo ein Gewässer überquert werden muss, müssen die Bewohner Kähne zur Verfügung stellen. Um die Posthäuser, wo noch keine Dörfer in der Nähe sind, werden Siedlungen gebildet, damit die Posthäuser versorgt werden können. Auf den Strecken zwischen den Posthäusern liegen alle drei Meilen kleine Dörfer mit ca. 40 Hütten, dort leben die Eilboten. Wenn sich ein Eilbote nähert, hört man von weitem die Schellen seines Gürtels, so weiß der nächste Eilbote, dass er sich bereit machen muss.[97] Für Marco Polo hat dieses Netz vor allem die Funktion, Reisen und Handel bequem und effektiv zu machen. Ähnlich, aber weniger ausführlich, berichtet Odorico von der Nachrichtenübermittlung.[98] 

            Mandeville berichtet von zahlreichen Herbergen in dünn besiedelten Gebieten. Das Botensystem in seinem China ist auf die machterhaltende Funktion beschränkt, der Khan weiß so sehr schnell, wenn es Feinde in seinem Land gibt.[99] Einige Seiten später bestätigt sich diese militärische Funktion des Botensystems noch einmal. Ein Bote muss zur Keimabtötung durch zwei Feuer gehen, bevor er vor dem Khan erscheinen darf.[100]  

Seltsame Tiere

Odorico[101] und Mandeville[102] beschreiben beide Gänse, die einen blutroten Höcker auf dem Kopf haben und denen ein Stück Haut unter der Kehle hängt. Zudem kennen beide die Hühner, welche anstatt mit Federn mit Wolle ausgestattet sind.[103] Odorico hat gesehen, wie mit Vögeln Fische gefangen werden. Die Vögel sind mit einer Schnur um den Hals an Stangen festgebunden, damit sie die Beute nicht essen können. In kurzer Zeit fangen die Vögel sehr viele Fische, dann werden sie von der Schnur befreit und dürfen so viele Fische fangen und fressen bis sie satt sind.[104]Darnach stúndn si wider auff ír stangn. Da pant er si wider zue. (Danach sitzen sie wieder auf ihren Stangen. Dann bindet er [der Fischer] sie wieder an.)“[105] Von Melonen, in denen kleine Tiere wachsen, die wie Lämmer aussehen, hat Odorico nur gehört. Er findet es selber auch sehr wundersam, weist aber darauf hin, dass es trotzdem wahr sein kann.[106]

            Marco Polo berichtet von großen Schlangen mit zwei Beinen unter dem Kopf, Löwenfüße und eine krumme Klaue.

            „Sy hant houpte und munt also groz das eyne vorslindit eynen ganczen man, sy han ouch groze czene. (Sie haben einen so großen Kopf und Mund, dass sie einen ganzen Mann verschlingen können, sie haben auch große Zähne.)“[107]

            Sie legen sich mit Löwen an, gehen in der Nacht auf die Jagd und liegen tagsüber in der Erde. Die Galle hat große Heilkräfte, deshalb wird sie gejagt.[108]


Chinabild im Mittelalter

Dieses letzte Kapitel könnte auch mit der Frage „Warum wurde Mandevilles Bericht von den Menschen im Mittelalter und der frühen Neuzeit nicht angezweifelt, wohingegen Marco Polo noch auf dem Sterbebett gebeten wurde seine Lügen zu revidieren?“ überschrieben werden. Wie schon erwähnt, war eine lange Erzähltradition für die Ostvorstellung im Mittelalter maßgebend. So wie die Darstellung des Alltäglichen genormt war, war es auch die des Abnormen, Exotischen, Fremden.[109] Mandeville, als fiktionaler Reisender spielte natürlich vollends auf diese Tradition ein, diesem Verfahren hat er seine Popularität zu verdanken. Odorico berichtet von wirklich Gesehenem, vermischt dieses aber mit den besagten Normen. Er kannte diese wahrscheinlich bereits vor Antritt seiner Reise, vielleicht hat er auch nach seiner Rückkehr in anderen Reiseberichten oder Enzyklopädien nachgeschlagen um seine Angaben zu verbessern. Marco Polo reiste auch mit diesem Gepäck der standardisierten Bilder in seinem Kopf, dennoch erweist er sich als relativ unvoreingenommener Beobachter. Als Sohn eines Kaufmanns gehört er nicht, wie Odorico, zu der geistlich-gelehrten Schicht. Zudem reiste er wohl mit dem Auftrag des Khans alles genau zu erfassen durch Asien.

            Was war an den einzelnen Aspekten so besonders exotisch für das mittelalterliche Publikum? Der Reichtum, die Größe und die große Bevölkerungsdichte waren exotisch. Dies war aber vorstellbar, da es sich bei Asien um den besten Kontinent handelte und dort irgendwo das irdische Paradies und das Reich des Priesterkönigs Johannes sein musste. Allerdings sind im beschriebenen Teil der Psalterkarte die Unterschiede der Bevölkerung zu Europa nicht sehr groß. Neu war das von Marco Polo beschriebene Papiergeld. Marco Polo und Odorico beteuern energisch, dass der Handel mit Papiergeld funktioniere. Mandeville widmet dem Thema nur ein paar wenige Zeilen. Er scheint nicht verstanden zu haben, wie die Papiergeldwirtschaft genau funktioniert, denn „Der Kaiser mag so viel Geld ausgeben als er will.“[110] Auch Marco Polo und Odorico sehen nicht genau, was hinter dem System steckt. Marco Polo betont jedoch, welch streng geregelte Angelegenheit das Verfertigen von Papiergeld ist. Auch das Botennetz wird von Mandeville und Marco Polo verschieden bewertet. Für Marco Polo hat es einen fast schon luxuriösen Charakter, wohingegen Mandeville es als militärische Einrichtung sieht. Auffallend ist, dass Mandeville die Zauberkraft der Magier am Hofe des Khans nicht nennt.

            Geht man von der Popularität Mandevilles aus und von dem Umstand, dass seine Glaubwürdigkeit nicht diskutiert wurde, kann Mandevilles Abschnitt über China als stellvertretend für das Chinabild der Menschen im Mittelalter gesehen werden. Ein anderer guter Hinweis auf das tatsächliche Chinabild im Mittelalter können Sammelbücher, wie das „Livre de merveilles“, bilden. Bei Illustrationen im Mittelalter handelt es sich ebenfalls vor allem um Standardisierungen. Illustrierte Texte über die Wunder im Osten gehen bis aufs 4. Jahrhundert zurück.[111] „Livre de merveilles“ stammt aus der Sammlung des Herzogs Jean de Berry, der von 1340 bis 1416 lebte.[112] Das illustrierte Manuskript beinhaltet unter anderem den Bericht Odoricos, Mandevilles und Marco Polos. Hier steht Marco Polo in einem unterrichtenden Kontext. Es gibt aber auch Sammlungen in denen sein Werk zusammen mit dem Alexanderroman auftaucht.[113] Das Berichtete wird in den Illustrationen in Bekanntes umgesetzt. So werden die Schlangen, die Marco Polo beschreibt, als Drachen dargestellt, teilweise mit Flügeln, obwohl Marco Polos Schlangen keine Flügel haben, es handelt sich nämlich um Krokodile, diese sind aber so exotisch, dass man sie sich nicht vorstellen kann. Das Einhorn[114], welches Marco Polo in Indien findet und er gar hässlich findet, wird in ein volkstümliches, schönes Einhorn übersetzt. Darstellungen des Kahns werden stark europäisiert. Im 14. Jahrhundert werden die Darstellungen der Asiaten langsam realistischer.[115] Ab dann fangen auch langsam die Kartographen an umzudenken und Marco Polos geographische Entdeckungen zu berücksichtigen.[116]

            Im ausgehenden 12. und im 13. Jahrhundert hat Marco Polo das Chinabild nicht verändert. Wenn er überhaupt ernst genommen wurde, hat er das bestehende Bild da bestätigt, wo es durch seinen Bericht widerlegt hätte werden müssen. Dies gilt auch für Odorico. Im 15. Jahrhundert muss sich dies geändert haben, denn Kolumbus war fest von Marco Polos Bericht überzeugt.[117] Als die Entdecker einen alternativen Seeweg nach Indien suchten und in Amerika landeten, übertrugen sie anfangs Marco Polos Beschreibungen auf das, was sie vorfanden. Die Verwirrung und Enttäuschung muss groß gewesen sein, als sich zeigte, dass dies nur begrenzt möglich war.


Sarah Bartz, 2005


Literaturliste

Primärliteratur

Konrad Steckels deutsche Übertragung der Reise nach China des Odorich de Pordenone. Hrsg. v. Gilbert Strasmann, Berlin 1968 (= Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Heft 20). [Zit. Steckel]

Die Reisen des Ritters John Mandeville durch das Gelobte Land, Indien und China. Bearbeitet von Theo Stemmler, hrsg. Bibliothek klassischer Reiseberichte, Stuttgart 1966. [Zit. Mandeville] 

Sir John Mandevilles Reisebeschreibung. In deutscher Übersetzung von Michel Velser, Hrsg. v. Eric John Morral, Berlin 1974 (= Deutsche Texte des Mittelalters, Band LXVI).

Jean de Mandeville: Reisen. Reprint der Erstdrucke der deutschen Übersetzung von Michel Velser und Otto von Diemeringen, Hrsg. und mit einer Einleitung versehen v. Ernst Bremer und Klaus Ridder, Hildesheim u.a. 1991. 

Die Reisen des Venezianers Marco Polo im 13. Jahrhundert. Hrsg. von Hans Lemke, Köln 2001 (Reprint der Ausgabe von 1908). [Zit. Marco Polo]

Der mitteldeutsche Marco Polo. Nach der Admonter Handschrift, hrsg. von Horst von Tscharner, Deutsche Texte des Mittelalters Band XL, Berlin 1935. [Zit. md. Marco Polo] 

Die Reise des seligen Odorich von Pordenone nach Indien und China 1314 (18-1330. Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Folker Reichert, Heidelberg 1987. [Zit.   Odorico]


Sekundärliteratur

Selbständige Veröffentlichungen:

Brincken, Anna-Dorothee von den: Fines Terrae. Die Enden der Erde und der vierte Kontinent auf mittelalterlichen Weltkarten, Hannover 1992 (= Monumenta Germaniae Historica Schriften, Band 36).

Critchley, John: Marco Polo’s Book. Cambridge 1992.

Gewecke, Frauke: Wie die neue Welt in die alte kam. Stuttgart 1986.

Louis Heren (Hrsg.): China bis heute. Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft in 3000 Jahren, Köln 1974, S. 132f.

Humble, Richard: Marco Polo. New York 1975.

Lach, Donald F.: Asia in the making of Europe. Vol. I The century of Discovery, Book One, Chicago / London 1965.

Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter. München / Zürich 1988.

Pochat, Götz: Das Fremde im Mittelalter. Darstellung in Kunst und Literatur, Würzburg 1977.

Simek, Rudolf: Erde und Kosmos im Mittelalter. Das Weltbild vor Kolumbus, München 1992.

Tscharner, Eduard Horst von: China in der deutschen Dichtung. Darmstadt 1934 (= Dis. Berlin 1934).

Unselbständige Veröffentlichungen:

Bremer, Ernst: Marco Polo. In: Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 3.2., völlig neu bearb. Aufl., Berlin/ New York 1981, Sp. 771-775.

Goodrich, Carrington L.: Westernes and central Asians in Yuan China. In: Oriente Poliano. Studi e conferenze tenute all’ is.M.E.O. in occasiono del VII centenario della nascita di Marco Polo, Rom 1957, S. 1-21. 

Harbsmeier, Michael: Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen: Überlegungen zu einer historisch-anthropologischen Untersuchung frühneuzeitlicher deutscher Reisebeschreibungen, in: Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung, hrsg. V. Anton Maczak und Hans Jürgen Teuteberg, Wolfenbüttel 1982, S. 1-31 (= Wolfenbütteler Forschungen 21).

Harth, Dietrich: China – Monde imaginaire der europäischen Literatur. In: Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik, Hrsg. v. ders., Frankfurt am Main 1994, S. 203-223.

Perrig, Alexander: Erdrandsiedler oder die schrecklichen Nachkommen Chams. Aspekte der mittelalterlichen Völkerkunde, in: Die andere Welt. Studien zum Exotismus, Frankfurt am Main 1987, S. 31-87.

Reichert, Folker E. : Marco Polos Buch. Lesarten des Fremden, in: Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik, Hrsg. v. Dietrich Harth, Frankfurt am Main 1994, S. 180-202.

Troll, Christian W.: Die Chinamission im Mittelalter. In: Franziskanische Studien Band 48, 1966, S. 109-150.

Wittkower, R.: Marco Polo and the pictoral tradition of the marvels of the East. In: Oriente Poliano. Studie conferenze tenute all’ is.M.E.O. in occasiono del VII centenario della nascita di Marco Polo, Rom 1957, S. 155-172.



[1] Vgl. u.a. Lach, Donald F.: Asia. The making of Europe, Vol.I The Century of Discovery, Book One, Chicago 1965, S. 13.

Vgl. Troll, Christian W.: Die Chinamission im Mittelalter. In: Franziskanische Studien Band 48, 1966, S. 109-150, hier 111. Troll berichtet von christlichem Einfluss bis nach China bereits im 8. Jahrhundert. 

[2] Vgl. Humble, Richard: Marco Polo. New York 1975, S. 26.

[3] Vgl. Wittkower, R.: Marco Polo and the pictoral tradition of the marvels of the East. In: Oriente Poliano. Studi e conferenze tenute all’ is.M.E.O. in occasiono del VII centenario della nascita di Marco Polo, Rom 1957, S. 155-172, hier 156.

[4] Vgl. Simek, Rudolf: Erde und Kosmos im Mittelalter. Das Weltbild vor Kolumbus, München 1992, S. 58-59.  

[5] Vgl. Perrig, Alexander: Erdrandsiedler oder die schrecklichen Nachkommen Chams. Aspekte der mittelalterlichen Völkerkunde, in: Die andere Welt. Studien zum   Exotismus, Frankfurt am Main 1987, S. 31-87, hier S. 31-32.

[6] Vgl. Brincken, Anna-Dorothee von den: Fines Terrae. Die Enden der Erde und der vierte Kontinent auf mittelalterlichen Weltkarten, Hannover 1992 (= Monumenta Germaniae Historica Schriften, Band 36), hier S. 30.

[7] Vgl. Ebd. S. 3-4.

[8] Vgl. Ebd., S5 und Simek, Erde und Kosmos, S. 58 und auf S. 73 wird auf die Selbstverständlichkeit der Annahme einer Kugelförmigen Erde in der Antipodensikussion hingewiesen.

[9] Buch Genesis 9,1-17.

[10] Vgl. u.a Simek, Erde und Kosmos, S. 66-69.

[11] Vgl. Ebd. S. 71.

[12] Vgl. Reichert, Folker E.: Marco Polos Buch. Lesarten des Fremden, in: Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik, Frankfurt am Main 1994, S. 180-202, hier S. 191.

[13] Vgl. Brincken, Fines Terrea, S. 98.

[14] Vgl. Ebd. 98 und Reichert, Marco Polos Buch, S. 191-192. 

[15] Vgl. Harth, Dietrich: China – Monde imaginaire der europäischen Literatur. In: Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik, Hrsg. v. ders., Frankfurt am Main 1994, S. 203-223, hier S. 208.

[16] Vgl. Harbsmeier, Michael: Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen: Überlegungen zu einer historisch-antrhopologischen Untersuchung frühneuzeitlicher deutscher Reisebeschreibungen, in: Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung, hrsg. V. Anton Maczak und Hans Jürgen Teuteberg, Wolfenbüttel 1982, S. 1-31, hier S. 15 (= Wolfenbütteler Forschungen 21).

[17] Kommen auch bei Mandeville vor.

[18] Marco Polo, Odorico und Mandeville.

[19] Vgl. Brincken, Fines Terrea, S. 1.

[20] Vgl. Gewecke, Frauke: Wie die neue Welt in die alte kam. Stuttgart 1986, S. 63.

[21] Vgl. Perrig, Erdrandsiedler, S. 42-46.

[22] Vgl. Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter. München / Zürich 1988, S. 109.

[23] Vgl. Ebd. S. 114. 

[24] Vgl. Ebd. S. 118. 

[25] Vgl. Ebd. S. 137. 

[26] Vgl. Ebd., S. 17. 

[27] Vgl. Ebd., S. 141. 

[28] Der mitteldeutsche Marco Polo. Nach der Admonter Handschrift, hrsg. von Horst von Tscharner, Deutsche Texte des Mittelalters Band XL, Berlin 1935, S. 27, 23-25.  

[29] Vgl. Ohler, Reisen, S. 327ff.

[30] Vgl. Heren,Louis (Hrsg.): China bis heute. Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft in 3000 Jahren, Köln 1974, S. 132f.

[31] Vgl. Lach, Asia, S. 34.

[32] Vgl. Tscharner, Eduard Horst von: China in der deutschen Dichtung. Darmstadt 1934 (=Dis. Berlin 1934), S. 12. Katai war in Asien lange die übliche Bezeichnung für China.

[33] Vgl. Ebd. S. 14.

[34] Vgl. Ebd. S. 8-12.

[35] Genesis 11,10-32 und 12,1-9.

[36] Vgl. Brincken, Fines Terrea, S. 86-89 Beschreibung, Abb. 32 und 33.

[37] Vgl. Ebd. Abb. 9

[38] Vgl. Gewecke, Neue Welt, S. 74.

[39] Vgl. Pochat, Götz: Das Fremde im Mittelalter. Darstellung in Kunst und Literatur, Würzburg 1977, S. 82-84.

[40] Vgl. Lach, Asia, S. 24.

[41] Vgl. Ebd. S. 31.

[42] Lach führt außerdem die Blüte der Ming-Dynastie, die Expansion der Moslems und die Pest in Europa als Gründe für den Zerfall der Handelsbeziehungen mit China an. S. 49.

[43] Vgl. Ebd. S. 47.

[44] Der mitteldeutsche Marco Polo. Nach der Admonter Handschrift, hrsg. von Horst von Tscharner, Deutsche Texte des Mittelalters Band XL, Berlin 1935, S. VIII-X.

[45] Sir John Mandevilles Reisebeschreibung. In deutscher Übersetzung von Michel Velser, Hrsg. v. Eric John Morral, Berlin 1974 (= Deutsche Texte des Mittelalters, Band LXVI), S. IV-VI. 

[46] Konrad Steckels deutsche Übertragung der Reise nach China des Odorich de Pordenone. Hrsg. v. Gilbert Strasmann, Berlin 1968 (= Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Heft 20), S. 7-11.

[47] Wie die Ökumene-Karte aus San Millán de la Cogolla nach Isidor von 946. Vgl. Brincken, Fines Terrea, Abb. 8.  

[48] Mandeville, S. 143.

[49] Ebd. S. 143.

[50] Vgl. Odorico, S. 80 und Steckel, S. 81.

[51] Vgl. Die Reisen des Venezianers Marco Polo im 13. Jahrhundert. Hrsg. von Hans Lemke, Köln 2001 (Reprint der Ausgabe von 1908), Buch II, Kap. 1, S. 156.

[52] Mandeville, S. 134.

[53] Vgl. Odorico, S. 117-121 und Steckel, S. 127, 129. Marco Polo berichtet auch von diesem Alten, welcher dort weniger positiv besetzt ist, es handelt sich um einen Mohammedaner. Vgl. Marco Polo, S. 74-78. 

[54] Vgl. Odorico, S. 123-125 und Steckel, S. 131, 133.

[55] Vgl. Mandeville, S. 137f.

[56] Vgl. Odorico, S. 92f und Steckel, S. 93,95.

[57] Steckel, S. 95, 559f.

[58] Vgl. Odorico, S. 84f und Steckel, S. 85.

[59] Vgl. Odorico, S. 117 und Steckel, S. 127, 925f.

[60] Vgl. Odorico, S. 117 und Steckel, S. 127, 926f.

[61] Vgl. Odorico, S. 115 und Steckel, S. 123, 892ff.

[62] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap.41. Tätowiertechnik, S. 245 und md. Marco Polo, S. 34, 12. 

[63] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 23. Der md. Marco Polo nennt nur die Steinkohle und bringt sie nicht in Verbindung mit den Bädern, welche er überhaupt nicht nennt.

[64] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 68. 

[65] Vgl. Marco Polo, Buch I, Kap. 48 und md. Marco Polo, S. 17. 

[66] Stutenmilch, welche in Gärung übergegangen ist wird noch heute bei den Mongolen getrunken.

[67] Vgl. Mandeville, Buch II, 7. Kapitel, hier S. 158ff.

[68] Vgl. Ebd. S. 142.

[69] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 4 und md. Marco Polo, S. 30.

[70] Vgl. md. Marco Polo, S. 17.

[71] Vgl. Ibde, S. 17, 15f.

[72] Vgl. Marco Polo, Buch II, 48. kap und md. Marco Polo, S.17.

[73] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 37 und md. Marco Polo, S. 31.

[74] Im md. Marco Polo 11 Tage.

[75] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap.41 und md. Marco Polo, S. 34.

[76] Vgl. Marco Polo, Buch I, Kap. 35 und md. Marco Polo, S. 13.

[77] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 40 und md. Marco Polo, S. 33.

[78] Vgl. Mandeville, S. 156. Bei Odorico handelt es sich um den Fußabdruck des jeweiligen Mannes, S. 98 und Steckel, S. 101. 

[79] Vgl. Mandeville, S. 158.

[80] Vgl. Ebd. S. 140.

[81] Vgl. Ebd. S. 155.

[82] Vgl. Ebd. S. 158.

[83] Vgl. Critchley, John: Marco Polo’s Book. Cambridge 1992, 113f.

[84] Dieser Umstand wird im letzten Kapitel dieser Arbeit noch weiter ausgeführt.

[85] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 68 und md. Marco Polo, S. 21.

[86] Vgl. Mandeville, S. 135. Und bei Odorico, S. 82 und Steckel, S. 83.

[87] Vgl. Mandeville, S. 136f. Und bei Odorico, S. 86 und Steckel, S. 91, 93.

[88] Vgl. Mandeville, S. 137.

[89] Steckel, S. 93, 529f.

[90] Vgl. Marco Polo Buch I, Kap. 58 und Buch II, Kap. 2. Bei Odorico, S. 110 und Steckel, S. 115, 813f.

[91] Vgl. Mandeville, S. 149f und Odorico, S. 107 und Steckel, S. 113, 779ff. 

[92] Vgl. Odorico, S. 114 und Steckel, S. 123.

[93] Steckel, S. 123, 904-906.

[94] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 18.

[95] Papiergeldtheme bei Mandeville sehr kurz gehalten, S. 151. Odorico betont auch die Macht, welche hinter dem Handel mit Papiergeld steht. S. 110 und ebenfalls sehr kurz gehalten bei Steckel, S. 115, 820f. 

[96] Md. Marco Polo, S. 26.

[97] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 20 und md. Marco Polo, S. 27.

[98] Vgl. Odorico, S.104.

[99] Vgl. Mandeville, S. 153f. Bei Konrad Steckel ist auch vor allem die militärische Funktion von belang, S. 109. 

[100] Vgl. Ebd. S. 158.

[101] Vgl. Odorico, S. 81 und Steckel, S. 83.  

[102] Vgl. Mandeville, S. 135.

[103] Vgl. Ebd. S. 135, Ododrico, S. 84 und Steckel, S. 85.

[104] Vgl. Odorico, S. 85 und Steckel, S. 87.  

[105] Steckel, S. 87, 475.

[106] Vgl. Odorico, S. 111 und Steckel, S. 119.  

[107] Md. Marco Polo, S. 33, 20f.

[108] Vgl. Marco Polo, Buch II, Kap. 40, S. 242 und md. Marco Polo, S. 33f.

[109] Vgl. Pochat, Das Fremde, S. 12.

[110] Mandeville, S. 151.

[111] Vgl. Wittkower, Pictoral Tradition, S. 164.

[112] Vgl. Reichert, Marco Polos Buch, S. 186.

[113] Vgl. Wittkower, Pictoral Tradition, S. 170.

[114] Es handelte sich wohl um ein Nashorn.

[115] Vgl. Lach, Asia, S. 72.

[116] Vgl. Reichert, Marco Polos Buch, S. 191.

[117] Vgl. u.a. Ebd. S. 195.